Marina Weisband: Im Herzen bin ich Anarchistin! – 8. Lunchtalk

(Warum Marina Weisband? – *)

Wir treffen uns mit Marina Weisband. Gefühlt jeder kennt sie als ehemalige Chefin der Piratenpartei. Damals hat sie uns maßlos beeindruckt. Aber kaum jemand kennt sie wirklich. Sie stammt aus der Ukraine, wurde nach der Katastrophe von Tschernobyl nach Deutschland gespült und wuchs in Wuppertal auf. Doch das kann jeder, der mag, auch bei Wikipedia nachschlagen. Wir wollen tiefer gehen.

Marina ist eine durch und durch politische Frau. Eine Kämpferin, die sich auch durch Niederlagen nicht aufhalten lässt. Sie ist so etwas wie eine moderne Jeanne D’Arc. Und sie fokussiert sich. Ihr Thema heißt Bildung.

Sie wäre bestimmt eine gute Lehrerin geworden. Eine, in deren Klasse wir unsere Kinder gerne schicken würden – oder geschickt hätten. Aber sie hat entschieden, das große Thema Bildung von der politischen Seite anzugehen und sorgsam weiterzuentwickeln. “Alles ist Politik”, ist einer der ersten Sätze, den Marina uns beim Lunchtalk in die Kladde diktiert.

Wir treffen sie im beschaulichen Münster, wo die Radfahrer Vorfahrt haben, die Grünen fast doppelt so stark wie im Bund sind, die Pizza vegetarisch auf den Tisch kommt.

Es geht Marina um Veränderung. Sie hat ihren Weg gefunden, Veränderung herbeizuführen. Doch eins nach dem anderen.

Bildung ist ohne Zweifel dringender denn je. Auf dem gerade erst stattgefundenen Weltwirtschaftsforum in Davos hieß es erneut: Das deutsche Bildungssystem bremst den sozialen Aufstieg. Deutschland schneidet in der Chancengleichheit nur mittelmäßig ab. Und in der digitalen Bildung liegt Deutschland weit hinter anderen europäischen Staaten, die uns den Rang ablaufen. Marina hat viel zu tun.

Natürlich fragen wir sie nach ihrer Piraten-Vergangenheit. Doch die hat sie lange hinter sich gelassen. Sie verschrieb sich 2014 nach ihrem Ausstieg aus der Piraterie dem Projekt “Aula – Schule gemeinsam gestalten”. Aula, erläutert Marina, ist Revolution des Schulsystems von unten, am Politikbetrieb vorbei. Gefördert wurde das Projekt, das Schüler zu demokratischem Handeln bewegen will, von der Bundeszentrale für politische Bildung. Sie ist sich sicher, heute an einer Stelle zu sein, an der sie weitaus mehr bewegen kann als noch 2012 – zu Piratenzeiten.

Wir fragen sie bewusst provokant, ob Regierungen denn überhaupt Interesse an gebildeten Bürgern hätten. In einem Punkt stimmt sie zu: Regierungen könnten nicht perspektivisch denken oder arbeiten. Es fehle an Visionen, am Narrativ über die Zukunft. Sie seien, allzu deutlich an der GroKo erkennbar, in ihrem eigenen System gefangen. Deutschland fährt mit angezogener Handbremse. Das sei, schränkt sie zunächst ein, manchmal gut. In der jetzigen Situation nicht.

Die Bundeszentrale für politische Bildung dagegen sei unabhängig von diesem System und daher völlig frei in ihrer Bildungsarbeit zur Förderung der Demokratie. Ok, das war uns neu. Aber gut zu wissen. Die Gretchenfrage der Politik formuliert Marina so: “Schaffe ich Chancen für Unterlegene?” An genau der Stelle müsse die Politik ansetzen.

Wir bleiben bei den Politikern. Es sei besser, meint sie, mit zwei Beinen in der Wirklichkeit zu stehen, als ein „reiner“ Politiker zu sein. Die meisten von ihnen seien klug – darin sind wir uns einig. Marina sieht heute viele junge, intelligente und talentierte Menschen, die den Weg in die Politik gehen, um Dinge zu verändern. Daher käme auch mehr junge Energie in den Parteien an. Heute bewegen diese neuen Mitglieder mit ihren frischen, neuen Ideen mehr als je zuvor, darin ist sich Marina sicher. Ihre Zuversicht ist geradezu ansteckend.

Marina ist (hoffentlich) typisch für die selbstbewusste, aber ebenso selbstkritische Frau von heute: Sie hat erkannt, dass sie die Politik bei den Piraten nicht hat verändern können, daher verändere sie nun die Bildung. Lieber an der Sache arbeiten, als sich am System abarbeiten.

Unweigerlich kommt unser Gespräch auf das Thema Frauenquote. Auch hier ist Marinas gelassene Klugheit geradezu entwaffnend. Sie schmettert uns keinesfalls laute Zustimmung entgegen, sondern den überaus smarten Satz: “Neue Regeln dürfen nicht noch mehr Regeln bedeuten, sondern einfach die alten Regeln abzuschaffen.”

Mit ihren 32 Jahren steckt mehr tiefe Erkenntnis und Schlauheit in ihr als in manch deutlich älterem Politiker. Augenblicklich wünscht man sich Marina in die Politik zurück, wo sie der älteren Generation zeigen könnte, wie Veränderung wirklich geht.

Stattdessen arbeitet sie lieber mit der jüngsten Generation, den Schülern. Im Aula-Projekt will sie aus Schülern Gestalter machen, statt wie zuvor nur Konsumenten. Sie will ihnen erklären, was Politik ist. Damit sie lernen, die Gesellschaft zu gestalten. Das macht Sinn.
Marina hat aber auch ganz recht erkannt, dass die Menschen ängstlicher werden. Die Lösung sei jedoch eben gerade nicht “die Zeitmaschine in die 80er Jahre“, sondern bessere Kompetenzen für die Zukunft zu schaffen. Und da hat sie sehr klare Prioritäten: Erstens, Klima. Zweitens, Bildung.

Am gleichen Tag, an dem Greta den mächtigen Teilnehmern des WEF in Davos erneut den Kopf wusch, sagt uns Marina: “Im Herzen bin ich Anarchist**, ein alter Anarchist!”. Aber, ergänzt sie fast zahm, ich bin gegen die Revolution. Und das Leuchten in ihren Augen wurde in diesem Augenblick immer stärker.

Marina ist es ernst: Die Parteien müssen sich verändern. Die Wahrnehmung von Politik müsse sich verändern: “Tue Gutes und rede darüber”. “Ja”, sagt sie uns Marketing-Fuzzies, “wir brauchen mehr Marketing”. Liebe Kollegen, der jungen Dame kann doch geholfen werden.

Marina hat der Politik aber keineswegs entsagt, wie es den Anschein haben mag. Sie ist seit 2018 Mitglied bei Bündnis90/Die Grünen und fest davon überzeugt, dass die Grünen heute die besten Grünen sind, die es je gab. Mit ihr hat die Partei, die derzeit von einem Erfolg zum nächsten eilt, zugegebenermaßen einen kolossalen Fang gemacht.

Und ehe wir sie fragen können, welches Ministeramt sie unter Bundeskanzler Robert Habeck übernehmen möchte, ist unsere Zeit schon vorbei. Marina muss weiter. Weiter verändern. Und Ralf und ich? Sind beeindruckt. Wir haben eine Lehrstunde in moderner Politik erlebt.

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Wir danken Marina für das Gespräch.
(Aufgezeichent von Thomas.)

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* Darum Marina Weisband!

1. Pater Wolfgang, Dominikanerpater, der den gesellschaftlich Abgehängten, den Obdachlosen und Armen in seiner Altstadt-Armenküche das Leben mit einer täglichen Mahlzeit rettet, um ihnen den Weg zurück in die Gesellschaft zu ermöglichen.

2. Patrick, Grüne-/Europa-Politiker und Digitaltechnologe, der handelt, greifbare Flüchtlingspolitik vor Ort macht, und Europa als Prototyp einer UN-Weltregierung sieht.

3. Maren, Perspective Daily Gründerin, die als Kind Bildung und als Studentin konstruktiven Journalismus als Mittel ihrer Wahl erkannte, die Welt für uns alle ein wenig besser zu machen.

4. Lutz, Professor für Nachhaltiges Marketing und Leadership, der mit Bildung und Kritischem Denken die Gauß-Kurve aktueller Politik und Wirtschaft zum Besseren hin verschieben will.

5. Harriet, Studierte Programmiererin, Toilettenfrau, African Angel Gründerin, Bundesverdienstkreuzträgerin, die ‘ihren’ ghanaesischen Slumkindern wahre Bildung sowie ein angemessenes Leben bietet, und ihr Modell als Weg zu Afrikas Selbständigkeit versteht.

6. Schokofair, die für bessere Lebensbedingungen der jüngsten Kakaopflücker in Elfenbeinküste und Ghana, sowie ihrer Familien kämpfen. Es geht um Menschen- und speziell Kinderrechte, das Weggucken der Politik, das Wegducken der Milliardenkonzerne.

7. Jean-Pol, der uns alle, alle Menschen, glücklich machen möchte durch die Realisierung der NEUEN MENSCHENRECHTE – abgeleitet von unseren Grundbedürfnissen, versehen mit unserem wichtigsten Bedürfnis, das wir immer seltener befriedigen: dem DENKEN!

8. Marina, Ex-Piratenchefin, die sicher ist, klügere Politik benötige zuallererst klügere Menschen, priorisiert Demokratiekompetenz und Bildung, bei der Politik bei jedem Einzelnen beginnt, um so unsere Gesellschaft aktiv und vorbildhaft mitzugestalten.

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** Ehe irgendwer irgendetwas falsch versteht: Marina ist eine Anarchistin in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes.
ZB Immanuel Kant definierte Anarchie als “Gesetz und Freiheit ohne Gewalt”. 

”Im Anarchismus ist Anarchie die angestrebte Wirtschafts- und Gesellschaftsform freier und gleicher Menschen.
Eine Welt in der keiner regieren soll, über die Arbeit und Mühe eines anderen, […] Das ist Anarchie. Eine Welt in der Freiheit jeden beglückt, den Schwachen den Starken ‚ihn’ und ‚sie’ wo ‚deins’ und ‚meins’ keinen unterdrücken wird – Das ist Anarchie. …
Anarchie bedeutet somit für Anarchisten, dass jeder Mensch sich ohne unterdrückende Autorität und in freier Assoziation mit anderen Menschen entfalten kann. Eine solche Organisationsstruktur wird hierarchie-, zwangs- und gewaltfrei gedacht und sollte nicht mit einer herkömmlichen Verwaltung verwechselt werden. Eine anarchistische Gesellschaft ist eine Gesellschaft, in der jeder Mensch selbst beziehungsweise in Kooperation mit anderen für die eigenen Lebensumstände Verantwortung übernimmt.” – wikipedia