Schokofair: Engagierte Kids gegen die Windmühlen des Establishments – 6. Lunchtalk

(Warum Schokofair? – *)

Wann beschäftigen wir uns mehr mit dem Thema Süßigkeiten als sonst? Vor Weihnachten natürlich. Was also liegt näher als den Schokofair Kids zwei Tage vor dem ersten Advent einen Besuch abzustatten. Nun wird sich mancher fragen: Wer sind die Schokofair Kids? Ihr werdet sie jetzt kennenlernen. Und so schnell nicht wieder vergessen.

Die Schokofair Kids sind aktuell eine Gruppe von etwa 20 SchülerInnen im Alter von 10 bis 16 Jahren an der Maria Montessori Gesamtschule in Düsseldorf. Weit über 100 Schülerinnen und Schüler wirkten seit Gründung im Schuljahr 2009/2010 am Projekt mit. Montessorianischen Beistand leistet dabei ihr engagierter Lehrer Bernd Kowol.

“Schokofair – Stoppt Kinderarbeit!” war zunächst nur eine von vielen AGs an der Schule. Und so geht die Geschichte: Im Sommer 2010 wurden die Schüler durch einen ARD-Bericht darauf aufmerksam, dass ein großer Teil der für unsere Schokoladenindustrie gewonnen Kakaobohnen unter Einsatz von Kinderarbeit und Kindersklaven geerntet wird. Fast alle Süßwarenhersteller beziehen ihre Kakaobohnen aus der Elfenbeinküste, obwohl dort Kinderarbeit an der Tagesordnung ist. Allein in Westafrika arbeiten 2 Millionen Kinder auf den Kakaoplantagen unter gefährlichsten Bedingungen. Auch Kindermenschenhandel kommt immer wieder vor, Zehntausende müssen als Kindersklaven auf den Kakaoplantagen schuften.

Das löste bei den Schülern blankes Entsetzen aus und sie beschlossen, diese Zustände zu beenden. Sie begannen Unterschriften zu sammeln mit dem Ziel, sie dem Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie zu übergeben. Bis heute haben sie es geschafft, etwa 3.000 Unterschriften einzusammeln. Und sie machen weiter.

Das Schokofair-Projekt und seine engagierten Schüler erhielten unzählige Preise und Anerkennungen für ihre Arbeit. Schon 2013 wurden sie zu Unicef-Juniorbotschaftern ernannt. Unterstützt werden sie dabei von niemand geringerem als Angela Merkel, Dirk Nowitzki, Anke Engelke, Inka Bause, Joachim Król – sowie erst letzte Woche von Katarina Barley, Eckart von Hirschhausen und Richard Gere!

SchokofairBlogEs gibt also viel zu reden. Wir treffen im Souterrain der Montessori Medienwerkstatt in Düsseldorf-Flingern, liebevoll “Studio 40233” genannt, auf den Lehrer Bernd und – wie versprochen – auf drei seiner Schokofairs Amir, Miko und Joe: alle drei so unterschiedlich, wie sich ergänzend: der eine ruhig nachdenklich, der andere lebendig und gern erklärend, das andere fröhlich aufheiternd.

Dass sie alle erst 14 sind, merkt man nicht. Diese Kids sind Profis in ihrem Thema und verstehen die Welt besser als viele angeblich Erwachsene – und machen damit schwer Eindruck auf uns.

Bernd erklärt, warum der Montessori-Gedanke die Voraussetzung schafft für ein Engagement, wie es die Schokofair Kids seit Jahren an den Tag legen.
Maria Montessori entwickelte die Auffassung, dass die Natur seit der Entstehung des Universums bis in die heutige Zeit einem “Kosmischen Plan” folge, dessen Bestandteile in gegenseitiger Abhängigkeit zueinanderstehen. Umso wichtiger sei deshalb, dass die Menschheit verantwortungsvoll mit ihrer Umwelt umgeht, um das Gleichgewicht der Natur wiederherzustellen. Unter dem Eindruck der zwei Weltkriege begriff sie ihre Idee und die “Kosmische Erziehung” als Frieden stiftende Pädagogik. Sie erscheint heute moderner und wichtiger denn je.

Die in diesem Geist erzogenen Schokofair Kids sorgten 2012 dafür, dass ein Casting der von Sarah Connor unterstützten Show für die Ferrero-Kampagne “Dein Gesicht für KINDERschokolade” von Edeka abgesagt wurde. “Wir haben die Casting-Aktion von Ferrero heute morgen – direkt nachdem wir durch Euer Projekt von den Hintergründen des Verdachts auf Kinderarbeit bei Schokoladenproduktion erfahren haben – abgesagt!” so Rüdiger Zurheide, Eigentümer der Edeka-Kette. “Wir wollen erst wissen, was an der Sache dran ist, und wenn das so ist – wovon wir derzeit ausgehen – wird diese Aktion in unserem Haus nicht stattfinden”.

2014 erhielten die Schokofair Kids den FairTrade Award. Sie blicken auf viele solcher Erfolge zurück. Sie verstehen, dass Anerkennung und Awards die nötige Öffentlichkeit schaffen, die sie für ihr Vorhaben, die Welt von Kinderarbeit zu befreien, benötigen. Anders, erklären wir, funktioniere die Werbewelt auch nicht, wenn Agenturen in Cannes um Löwen buhlen. Sie zucken fast mitleidig mit den Schultern.

Die Schokofair Kids sind die einzige Kinderinitiative im Forum nachhaltiger Kakao, wo sie neben den hochbezahlten Managern von Nestlé, Ferrero und Co einen Riesenjob hinlegen. Sie haben zwar das Gefühl, schon etwas bewegt zu haben, aber immer noch viel zu wenig. Sie haben mit der Regierung und mit Unternehmen gesprochen, aber “alle haben uns im Stich gelassen”.

Ferrero gilt als größter Abnehmer von FairTrade-Schokolade, dennoch mache das erst 2 Prozent des Welthandels aus, erklären sie uns. Das reicht den Kids nicht aus, denn FairTrade alleine langt nicht, um die Grundbedürfnisse der Kinder in Afrika nach Essen und Bildung zu decken. Das ginge alles noch viel besser.

Ritter Sport engagiert sich beispielsweise in Nicaragua und baut dort eine eigene Kakao-Plantage auf. Für die Kids ist das nichts weiter als eine “Show-Farm”. Davon gäbe es auch in Afrika einige, aber viel zu wenige. Für die Schokofair Kids (“alle tun nur so, als ob”) ist das nicht glaubwürdig. Schon 2001 hätten die Konzerne im “Harkin-Engel-Protokoll” versprochen, die schlimmsten Formen der Kinderarbeit bis 2005 selbst abzuschaffen. Sie haben ihr Wort bis heute nicht gehalten.

Wir fragen, ob sie nicht jeden Respekt vor Erwachsenen und Unternehmen verloren haben. Sie nicken. Aber keinesfalls, wie man vielleicht denken möchte, resigniert. Eher trotzig und selbstbewusst. Sie geben nicht auf.

Besonders schlimm finden die Kids die Schoko-Werbung. “Die Milliarden Euro, die in Werbefilme der Schokoladenhersteller gesteckt werden, täuschen uns eine heile Welt mit glücklichen Kindern vor.” Die Wirklichkeit sehe anders aus: Nach wie vor fallen Hundertausende Kinder auf den Kakao-Plantagen unter die Bezeichnung “missbräuchlicher Kinderarbeit”. Dagegen kämpfen sie.
Ralf und mir als quasi Vertreter der Werbewirtschaft wird gerade ziemlich übel …

Als das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) kürzlich ein Video veröffentlichte, das den Eindruck erwecken wollte, die Kinderarbeit auf den Kakaoplantagen an der Elfenbeinküste sei längst abgeschafft, antworteten die Schokokids auf ihrer Facebook-Seite mit ihren eigenen Antworten, die sie ins Video des BMZ hineinschnitten und schrieben dazu: “Alle Kinder, die jetzt gerade in Westafrika für unsere Schokolade schuften müssen, werden sich besonders bei Dr. Müller bedanken”.

Das ist, dank des Studios, das ihr Lehrer Bernd den Kids stiftete, hoch professionell – vor allem aber mutig. Doch an dieser Stelle werden die Kids zornig. Sie wissen, dass hinter dem BMZ-Video nichts weiter steckt als die Lobbyarbeit und der Einfluss der Süßwarenindustrie. Es macht sie wütend, mit anzusehen, wie die afrikanischen Kinder, für deren Rechte sie kämpfen, von uns hintergangen werden.

Und sie reagieren: Ein großer Erfolg war ihr Auftritt vor und im Weltkakaokongress im April 2018 in Berlin. Über 200 Kinderdelegierte von 7 Schulen aus drei Bundesländern brachten die Schokofairs zu einer Protestkundgebung zum Kongresshotel.

Die Schokofairs hielten zudem die erste und einzige Kinderrede vor 2.000 Kongress-Delegierten aus aller Welt. Viele bestätigten ihnen später, dass die Rede der Schokofair Kids den Kongress beeinflusst hat. Die Rede der Schokofairs kam zur Eröffnung des Kongresses, als dritte Rede direkt nach der des Kongress-Präsidenten Dr. Jean-Marc Anga und Bundesministerin Julia Klöckner.

Viele Delegierte bedankten sich später bei den SchülerInnen, dass nun niemand mehr um das Thema der missbräuchlichen Kinderarbeit herum käme. Viele machten stolz Selfies mit ihnen. In der Abschlusserklärung des Kongresses hieß es dann auch: “Ein `Weiter so` darf es nicht geben!” und die Bekämpfung missbräuchlicher Kinderarbeit müsse ein Schwerpunkt für alle sein.

Seit sie 2013 das erste Mal den Bundestag besuchten, fordern sie von der Politik einen Schoko-TÜV: Alle Firmen müssen Lieferketten nachweisen, und wenn sie dort Kinderrechte verletzen, darf man sie hier bei uns anzeigen und bestrafen. Bisher gibt es nämlich kein Gesetz, dass Firmen, die im Ausland Menschenrechte verletzen, hier zur Rechenschaft gezogen werden können. Sie wollen, dass sich die Unternehmen den Rechten der Kinder endlich unterwerfen.

Die Kids sind der Auffassung, die Regierung sei da, um die Menschen, nicht aber um Unternehmen zu schützen. Stattdessen stützen sie die Unternehmen, damit sie – so die Kids – im Land bleiben. Daher sei die Regierung in der Hand der Unternehmen. Liebe Leser, das müssen wir uns hier von 14jährigen Kindern erklären lassen!

Ob eher das Establishment die Welt rettet oder das Engagement? Bei dieser Frage winken sie lachend ab: Natürlich das Engagement! Ob es richtiger sei, die Industrie oder den Konsumenten auf das Problem anzusprechen? Die Antwort überrascht uns ein wenig. Denn sie lautet: „Die Zivilgesellschaft!“ Die Kids wählen ihre Worte umsichtig, fast wie (manche) Erwachsene. Und eins ist sicher: Diese Schüler sprühen vor Intelligenz und Sachverstand. Wenn diese Kinder bald zur Wahlurne schreiten, wird sich in unserem Land einiges verändern. Dank ihrer Stimme und dank ihres Engagements.

Noch sind die Schokofair Kids zu brav. Sie müssen ihren Nerv-Faktor noch deutlich erhöhen. Oft sind sie dafür zu gut erzogen. Aber es wird mit harten Bandagen gekämpft. Denn es geht wiedermal allein um Geld. Sie müssen ihr Anliegen noch stärker in die Öffentlichkeit tragen. Sie müssen nach Berlin. Der Schokofair-TÜV muss richtig groß und Gesetz werden. Den Antrieb und die Kraft dieser Kids müssen wir unterstützen. Schon alleine, um ihren Glauben an die Welt der Erwachsenen, der Konzerne und der Regierung nicht vollends zu zerstören.

Schwer beeindruckt verlassen wir das Studio 40233. Diese Kinder haben uns in den letzten zweieinhalb Stunden vieles gelehrt. Unterstützen wir sie. Geht auf ihre Facebook-Seite. Liked, was das Zeug hält. Und wenn ihr einen Weg findet, die Schokofair Kids zu unterstützen – sei es finanziell oder durch Sachspenden und Mutmachen – tut es.

Sie boten uns wirklich faire Schokolade von GEPA, Fairafric und die von Tony´s Chocolonely an, die sie als vorbildlich ansehen, weil sie den Kakaobauern viel mehr für ihren Kakao und ihr living income zahlen. Schon schmeckt die Schokolade unterm Weihnachtsbaum auch emotional gut. Und sie bleibt uns nicht im Halse stecken …

Wir danken Joe, Miko, Amir und Bernd für das wundervolle Gespräch.

|

* Darum Schokofair!

1. Pater Wolfgang, Dominikanerpater, der den gesellschaftlich Abgehängten, den Obdachlosen und Armen in seiner Altstadt-Armenküche das Leben mit einer täglichen Mahlzeit rettet, um ihnen den Weg zurück in die Gesellschaft zu ermöglichen.

2. Patrick, Grüne-/Europa-Politiker und Digitaltechnologe, der handelt, greifbare Flüchtlingspolitik vor Ort macht, und Europa als Prototyp einer UN-Weltregierung sieht.

3. Maren, Perspective Daily Gründerin, die als Kind Bildung und als Studentin konstruktiven Journalismus als Mittel ihrer Wahl erkannte, die Welt für uns alle ein wenig besser zu machen.

4. Lutz, Professor für Nachhaltiges Marketing und Leadership, der mit Bildung und Kritischem Denken die Gauß-Kurve aktueller Politik und Wirtschaft zum Besseren hin verschieben will.

5. Harriet, Studierte Programmiererin, Toilettenfrau, African Angel Gründerin, Bundesverdienstkreuzträgerin, die ‘ihren’ ghanaesischen Slumkindern wahre Bildung sowie ein angemessenes Leben bietet, und ihr Modell als Weg zu Afrikas Selbständigkeit versteht.

6. Schokofair, die für bessere Lebensbedingungen der jüngsten Kakaopflücker in Elfenbeinküste und Ghana, sowie ihrer Familien kämpfen. Es geht um Menschen- und speziell Kinderrechte, das Weggucken der Politik, das Wegducken der Milliardenkonzerne.