Maren Urner, Perspective Daily: Die Welt ein wenig besser machen! – Dritter Lunchtalk

Wir sprachen diesmal mit (zwei Kellnerinnen und) Maren Urner, Co-Gründerin und Chefredakteurin Perspective Daily, Doktor der Neurowissenschaften*.

Maren Urner kam mit dem Rad. Ihr offenes Lächeln umarmte uns von weitem. Genauso schlug uns das Münsteraner F24 auf den ersten Blick in seinen Bann. Unsere Müdigkeit, ob der hochstehenden Sonne und der langen Fahrt vom fernen Düsseldorf, war wie weggeblasen.

Entsprechend unbeschreiblich gut verlief unser Lunchtalk: “Boah, Ihr habt ja Super-Themen die ganze Zeit”, warf gar unsere Kellnerin entspannt in unsere kleine Runde, kurz bevor wir zahlten, sonst hätten wir sie gerne dazugebeten.

Also los: Mittagskarte liebkosen, Smalltalk gnadenlos überziehen, Lunchtalk beginnen.

4BlogNachdem Marens Kindheitsvision Lehrerin werden zu wollen, sich schnell verabschiedet hatte – erkannte sie nach all den Jahren Hirnstudium und -forschung, dass der Journalismus ihr die Chance böte, erstens mehr Menschen, zweitens diese schneller zu erreichen. Was übrigens nichts an ihrer Überzeugung änderte, dass (selbst-)kritisches Denken so früh als möglich gefördert werden muss.

Maren ist überzeugt, dass Bildung und Journalismus das Potenzial haben, die Welt zu retten. Dafür allerdings müssten sich beide neu erfinden. Was sie wohl kaum aus sich selbst heraus schaffen, sind doch die etablierten Kräfte zu sehr auf den Status Quo und kurzfristige, egoistische Ziele fokussiert.

> Alles besser: Via Establishment oder Engagement?

Schnell wurde ihr klar, der Qualitätsjournalismus alter Prägung existierte kaum noch. Er schafft(e) sich gerade selbst ab, indem er verzweifelt versucht(e), sich trotzig innerhalb seiner eigenen Comfort Zone zu optimieren. Das innovative Unternehmerhirn unterliegt dem inkrementellen Managerhirn.

Für die allermeisten Menschen hat der Wunsch des Establishments, den eigenen Status Quo zu sichern, immense Vorteile. Der Mensch ist als soziales Herdentier auf Sicherheit bedacht, lässt lieber die Stress verursachenden großen Themen seinen Leitwolf(!) entscheiden, fühlt sich geborgener in einer Gruppe gleichgesinnter Leichtgläubiger. Entscheidet sich eher für das, was die Gruppe macht und sagt, denn für das, was richtig ist.

Der Journalist ist auch nur ein Mensch. Mit Sorgen, Sehnsüchten, Bedürfnissen. Also pfeift er auf Berufung, Mission und Vision, wagt keine Fehler mehr, keine Experimente, verschiebt keine Horizonte mehr, lässt die Schere in seinem Kopfe den Profit seines Verlegers maximieren.
Dazu allerdings braucht man keine Profis mehr, keine Zeit, seinen Job gut zu machen, keinen Freiraum für Kreativität oder gar Recherche. Meist kein Rückgrat oder Zivilcourage mehr. Journalisten und Journalismus sind in der dunklen Gegenwart angekommen. Die Welt kann man damit nicht retten – nur seinen Bonus.

All dies widerspricht gutem, engagiertem, Konstruktivem Journalismus wie Maren Urner ihn liebt und lebt.

> Zukunft: ‘Früher war alles besser!’?

Früher hatten vielleicht mehr Verleger und Journalist eine (gemeinsame) Vision und Leidenschaft, steckten gemeinsam als kluge Köpfe hinter Zeitungen. Schrieben sich Aufklärung, Wahrheit, Bildung, Information, Meinungsbildung auf die (Druck-)Fahnen. Waren stolz, ‘IV. Gewalt’ zu sein, (politischen) Fehlentwicklungen im Zweifel Paroli bieten zu können. Waren Mäzene gar, die Humanismus, Kunst und Kultur förderten. Sahen den Leser als Menschen und sein Vorankommen im Zentrum ihres Schaffens.

Damit kann der heutige ‘werbefinanzierte’ Verleger und Journalist so gar nichts mehr anfangen. Das Geschäftsmodell schreit nach hohen Umschlaggeschwindigkeiten, hohen Reichweiten, einfachsten Botschaften und ‘Wahrheiten’ für gleichzeitig größte Zielgruppen. Wir haben es mit Konzernstrukturen und -kulturen zu tun. Der ubiquitäre Kleinste Gemeinsame Nenner bestimmt Ethik und Qualität des branchenüblichen Nullsummenspiels ‘werbefinanzierter Journalismus’.

An jeder Ecke springt einem der nächste Skandal Aufmerksamkeit heischend kosten-, aufwands- und geistfrei entgegen. Da greift man zu. Da fühlt man sich bestätigt. Da hat man wieder etwas für den Stammtisch. Da denkt der durchschnittliche Rezipient in seinem informatorischen Overkill nicht mehr über Qualität nach, oder die Aufgaben von Medien in unseren komplexen Zeiten. Da will er lieber unterhalten sein, abgelenkt vom wahren Leben, seiner wahren Bestimmung, die er so eh nie erfahren können wird.

Wissen, Information, journalistische Einordnung im gedruckten Produkt hatte für die Menschen früher anscheinend einen höheren Wert, waren sie doch bereit(er), dafür zu zahlen. Wer wäre das heute noch? Nur ein paar Intellektuelle und die wenigen, die gegen allen Widerstand von Politik, Wirtschaft, Medien, Konsum ein selbstbestimmtes Leben leben wollen?
Entspannt beobachtet Perspective Daily die aktuellen Leuchtturm-Paywall-Experimente im Markt. Sie selbst haben aktuell rund 12.000 zahlende Mitglieder (für erschwingliche 60€/Jahr), 11.000 Newsletter-Abonnenten, 40.000 Facebook-Follower, die sich für Konstruktiven Journalismus, seinen unaufgeregten Stil begeistern.

Maren entschied sich 2015 gegen den Verlagskonzern als sicheren Hafen einiger und sinkendes Schiff vieler. Konnte sich wie schon im Bildungssystem nicht vorstellen, im Verlagssystemhaus gegen den Strom zu schwimmen, ihre Kräfte zu verschwenden, sich mit allen anzulegen. Sah dort keine großen Chancen für jene, die ihren Konstruktiven Journalismus betreiben wollen. Eine experimentelle “Konstruktive Abteilung” irgendwo im Konzernkeller unter ihrer Leitung wollte sie sich erst gar nicht ausmalen.

“Warum steht Ihr morgens auf?“, fragt sie damals und heute die Konzernjournalisten. Und wartet weiter auf eine befriedigende Antwort. Sie träumte selbst eher von den inspirierenden Herausforderungen einer Gruppe Individualisten und von Reibung und Wachstum aneinander. Träumte von Perspective Daily, kritisch (im wertfreien angelsächsischen, nicht im negativ besetzten deutschen Sinne) hinterfragendem Denken, Konstruktivem Journalismus eben.

> Start-Ups: Königsweg? Oder kann das weg?

Interessant. Wir sind kein klassisches, hippes Start-Up – einen Kicker gibt es nicht, aber immerhin ein Wohnzimmer mit Schlafcoach. Um den Journalismus zu retten bleibt allein die Selbständigkeit. Von innen heraus ist er nicht zu retten – so wenig wie die Bildung. Da sorgen schon die anderen Journalisten für.

> Feminismus: Mann, Manager, Memme?

Journalisten sind Männer. Da gilt nur der Mann etwas und konsequent nur der Journalist. Blogger existieren nicht, Autoren sind eine andere Welt, Feuilleton ist bäh, aber wir kennen die Vorurteile ja. Die Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit treibt manchmal seltsame Blüten. Man liebt den, der einen lobt.

Für Maren Urner ist ihr Schreiben auch eine Art Therapie. Selbstfindung und Selbstführung. Wie für viele richtig gute Journalisten – ist sie überzeugt. Nur dann ist man zu Besonderem fähig. Was sie von sich natürlich nie selbst behaupten würde.

Zu dieser Therapie gehört eben auch, den Journalisten und dem Journalismus da draußen den Spiegel vorzuhalten, ihnen “Ihr seid ja nackt!” zuzurufen. Dazu gehört, konsequent zu handeln, eben nicht Journalisten, sondern ‘Autoren’ zu beschäftigen, selbst nicht Journalist, sondern Wissenschaftler zu sein.

Damit – und mit dem verschluckten, inzwischen ach so wichtigen Gendern, also dem verschluckten ‘in’ – löst sie im Publikum zwiefache Aufschreie aus. Gern, denn Reibung erzeugt Funken, Initialfunken, und die sind wichtig, um etwas zu bewegen. Bewegen und Verantwortung zu übernehmen.

So spricht Maren gern darüber, dass “man das Wort ‘man’ abschaffen sollte”. Sie ist eine starke Frau. Und fast um das zu unterstreichen, zerbeißt sie den Olivenkern, den sie gerade im Mund jongliert. Versehentlich. Bruce Willis hätte es nicht besser gemacht … Abschaffen, damit die Menschen, die Politiker, die Journalisten, die Männer und Frauen der Wirtschaft zu ihren Worten und Taten stehen, sich bekennen. ‘Wir’ haben, ‘ich’ habe, nicht ‘man’ hat. Dieses ‘man’ macht vieles zu einfach, jeder kann sich dahinter verstecken, muss keine Verantwortung übernehmen, kann jegliche von sich weisen.

Dieses ‘man’, das sind diese anonymen Sachzwänge, das exkulpiert so wundervoll jede/n Einzelne/n.

> Marketing for Good: Ausweg oder Ausrede?

Systeme sind ebensolche Sachzwänge, die man gar nicht mehr hinterfragt. Konzerndenke. Werbefinanzierung. Profitdruck. Bonusvereinbarung.

Perspective Daily ist werbefrei, und wird dies auch bleiben, da wir nicht an werbefinanzierte journalistische Unabhängigkeit glauben können. Wir werden uns nicht dem Risiko aussetzen, verstummen zu wollen, damit Werbungtreibende unsere Fläche goutieren. Das ist der Anfang vom journalistischen Ende.

Natürlich ist Perspective Daily nicht so naiv, zu denken sie könnten ohne Geld die Welt retten. Für die nächsten Schritte könnten sie sich ein Sponsoring oder eine Beteiligung durch ein Unternehmen vorstellen, das in der Vergangenheit auf den Märkten der Welt von seiner Ethik und Kultur überzeugen konnte.

Es wird Zeit, wünscht Maren sich, dass mehr Unternehmen ihre Stimme erheben – Bürger, Politik, Medien schweigen schon viel zu lange viel zu laut. Unternehmen müssen lauter politisch werden, weil sie sowieso immer politisch sind. Wir brauchen mehr Vorbilder in diesem Sinne. Mehr Dialog, mehr Diskussion, weniger Polarität.

Vor allem muss in Gesellschaft, Politik, Wirtschaft mehr gehandelt und weniger geredet werden. Da sind der Klimawandel, der alltägliche Rassismus, die immer noch nicht vollzogene Gleichberechtigung der Frau, die aktuelle Flüchtlingsdebatte viel zu drängende Themen.

> Kommuniaktion: Endlich Action oder unendliche Langeweile?

Konsequenterweise nimmt sich Perspective Daily dieser großen Themen an, um die Menschen zu informieren, zur konstruktiven Meinungsbildung, zum Nachdenken und Handeln zu bewegen. So kommt beispielsweise der Hashtag #MeTwo aus Marens Redaktionsräumen – falls Ihr das nicht wusstet!

> Werbung: Freie Fahrt für freie Werber?

Maren bewundert denn auch gute Werber, ist sie doch überzeugt, gute Werber seien Psychologen. Gute Werber verstehen die Menschen, kennen Ihre Bedürfnisse, wissen, wie sie sie erreichen können. Eine immens wichtige Kompetenz.

Werber könnten also die Welt retten. So wie Journalisten. Leider sind die meisten Werber in der gleichen Lage wie die meisten Journalisten: keine Zeit mehr, den Job gut zu machen, kein Freiraum mehr für Kreativität, keine Zeit für Sinn.

Kurzfristdenken und Profitmaximierung bestimmen das Antlitz der Welt. Das Bigger Picture, das Verständnis und der Sinn des Ganzen sind uns vor langem abhandengekommen.
Zeit für einen neuen, Konstruktiven Journalismus. Zeit für eine bessere Welt.

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Thomas & Ralf danken Maren für das Gespräch.

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Hier könnt Ihr Mitglied bei Perspective Daily werden und Konstruktiven Journalismus unterstützen.

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* “Gegründet wurde Perspective Daily von Maren Urner und Han Langeslag im Dezember 2015. Die Grundmotivation der beiden Neurowissenschaftler beschreibt Maren Urner so: “… wir fragten uns, warum all diejenigen, die täglich an Lösungen arbeiten, so selten auf Seite 1 zu finden sind. Wir haben uns gewundert, warum dort bevorzugt Einzelereignisse landen, die wirklich dringenden Probleme der Menschheit jedoch nicht. Das wollen wir anders machen.”

Ergebnis: “Perspective Daily ist ein Online-Magazin, das nach den Prinzipien des Konstruktiven Journalismus arbeitet. Pro Tag erscheint nur ein einziger Artikel, insgesamt fünf pro Woche. Diese Artikel sollen neben den Fakten auch Lösungsmöglichkeiten aufzeigen und zur Diskussion anregen.” – beide Zitate: wikipedia