Patrick Schiffer: “Europa als Prototyp einer UN-Weltregierung” – 2. Lunchtalk

Düsseldorf. Autor: Thomas.

(Warum Patrick? – *)

Der Treffpunkt für unseren Lunchtalk mit Patrick Schiffer, das Nooij Dutch im Tanzhaus NRW, war mit Bedacht gewählt, denn nebenan tagte gerade der ADC (Art Directors Club Deutschland). Doch dessen kreative Energie war nicht vonnöten: Wir hatten Patrick. Aus der geplanten Stunde wurden drei – und wir säßen am liebsten jetzt noch dort mit ihm.

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© Anne Orthen (Ausschnitt)

Diesmal begleitete uns Brigitte Pavetic, die bei der hiesigen Rheinischen Post das “Stadtgespräch” macht – mitsamt Fotografin Anne Orthen, die uns bat, zum Foto doch bitte die Drogen (gemeint waren unsere Zigaretten!) vom Tisch zu nehmen. Danach war es jedoch alles andere als angepasst…

Wer ist Patrick? Wikipedia weiß: er ist deutscher Politiker. Er war Vorsitzender der Piraten in NRW und für ein Jahr auch Vorsitzender des Bundesverbandes. Inzwischen zu den Grünen gewechselt, möchte sich der gelernte Designer, der bei der Düsseldorfer Digitalagentur Zellwerk arbeitet, für einen Platz auf der Europaliste der Grünen bewerben. Er will etwas bewegen. Er will sehr viel bewegen. Fragt man Patrick selbst, wer er ist, sprudelt sofort das Wort „Aktivist“ aus ihm heraus. Er sei vom Aktivisten zum Politiker geworden. Seine Wurzeln erkennt man noch heute daran, dass er sich für „Flüchtlinge willkommen in Düsseldorf e.V.“ engagiert.

Und wir steigen gleich in sein Lieblingsthema ein: Die Digitalisierung sei an der Politik grösstenteils vorbeigegangen, beklagt er. Sie würde seitens der Politik oftmals für die Wirtschaft, aber zu wenig für die Seite der Menschen, für das Gemeinwohl, gedacht. Wir brauchen da dringend ein Gegengewicht, sagt er. Die Verwaltung, die letzten Endes die Politik kontrolliere, müsse viel agiler werden. Zu viele Politiker hätten die Bodenhaftung schon zu lange verloren. Daher würden besonders die Kommunalpolitik aber auch die politschen Entscheidungen in Europa immer wichtiger. Es sei eben die fehlende Verbindung zwischen globalen und lokalen Entwicklungen, die er verbessern wolle.

War früher alles besser, Patrick? Nein, seine Antwort muss er sich nicht lange überlegen. Die Armut ginge weltweit immer weiter zurück. Bildung ist im weltweiten Vergleich auf dem Vormarsch. Und dank der Digitalisierung nehme die Transparenz immer weiter zu. Er selbst sei „digital getrieben“, doch aus seinem Munde klingt „getrieben“ ausgesprochen positiv.

Patrick der Kosmopolit, geboren in Eupen, aufgewachsen in Alexandria („auf dem katholischen Mädchengymnasium war ich Hahn im Korb“), studierte in Maastricht an der Kunstakademie und nennt heute Düsseldorf-Flingern seine Heimat. Er hat Visionen, will nach den Sternen greifen und bleibt dabei erfreulich bodenständig.

Er ist stolz auf Düsseldorf. Stolz auf das kommunale Engagement für Flüchtlinge, auf die kulturelle Vielseitigkeit der Stadt, auf die zuletzt großen Investitionen in die Schullandschaft. Und dass sich die Stadt gewandelt habe: von snobistisch zu modern und weltoffen. (Woran er und Menschen seinesgleichen nicht ganz schuldlos sind – aber das würde Patrick wohl nie von sich selbst behaupten.) Die Ampel-Koalition, meint er, hat Düsseldorf gut getan. Sie habe die Vielseitigkeit der Stadt auch in die Politik gebracht.
Von sich selbst sagt Patrick: „Ich bin ein Menschen-Verbinder“. Das gilt nicht nur für seine Arbeit in der Flüchtlingshilfe, die ihm wichtig ist. Die Gestaltung des Open-Data-Portals sei langwierig gewesen, nun aber umgesetzt. Und in Sachen Start-up-Initiativen sei Düsseldorf längst weiter als der größere Nachbar Köln. Es fällt auf, dass Patrick seinen eigenen Beitrag nie erwähnt. Er spricht über politische Errungenschaften wie in der dritten Person – als würde er sich selbst dabei beobachten.

Es tut gut, jemand zu erleben, der auf Erfolge zurückblickt, sich dabei aber selbst nicht in den Vordergrund spielt. Er bleibt bedacht und sachlich. Doch in einem Punkt wird er plötzlich emotional: „Politikerinnen und Politiker mit Arsch in der Hose sind gefragt, von kommunal bis in die Europaebene!“ Wer Patrick erlebt, weiß, dass er seinen Arsch in der Hose behalten wird, egal wie weit er politisch kommt.

Den ehemaligen Piraten-Chef können wir schwerlich interviewen, ohne ihn nach dem bedingungslosen Grundeinkommen zu fragen. Er greift bewusst zum Terminus „Unbedingte Grundsicherung“. Sie sei, sagt Patrick unaufgeregt, angesichts der zunehmenden Automatisierung und des erwarteten Anstiegs der Arbeitslosigkeit die einzige Option für die nächsten 30 Jahre und darüberhinaus. Sie käme jedoch nicht schlagartig, sondern sei ein Prozess. Und die Politik müsse derzeit in der Debatte dringend nach geeigneten Modellen suchen und sie auch anbieten.

Natürlich reden wir mit ihm über Facebook. Facebook, sagt er, müsse Verantwortung übernehmen, werde aber nie zur „Vierten Gewalt“. Er fordert mehr Transparenz über Facebooks Algorithmen, eine Vergesellschaftlichung der Hoheit über die personenbezogenen Daten und eine klare Regulierung der digitalen Plattformen in der Frage nach den „No-Go’s“: es müsse klar geregelt werden, was sie dürfen – und was nicht.

Doch lange bleiben wir nicht bei Facebook. Man spürt, Patrick sind übergeordnete Dinge wichtiger. Er lenkt auf das Thema Bildung. In der Bildung fehle es heute auf vielen Ebenen: geschulte Lehrerinnen und Lehrern in Sachen Computer, Medienkompetenz bzw. Informatik als Pflichtfach für die Schüler und grundsätzlich einem Bildungsschwerpunkt der Befähigung zum (selbst)kritischen Denken.

Besonders Allgemeinbildung und Medienkompetenz sei, dass erkenne man am Umgang mit dem rechten, politischen Spektrum und der medialen Aufmerksamkeit, die die Populisten derzeit erhalten, wichtiger denn je. Zwar dürfe man niemand den Mund verbieten, aber entlarven müsse man sie, die Rechten. Bildung sei da – auch global – ein großer Teil der Lösung. Da ist sie wieder, merkbar stringent: die Verbindung von kommunal bis global.

Es hat Hand und Fuß, was der Mann sagt. Wir reden über Europa und die Welt. Und erneut über Digitalisierung. Die Digitalisierung, sagt Patrick, ist eine Revolution, die bereits seit mehr als 30 Jahren stattfindet. Man muss sie zum Nutzen der Menschen einsetzen, nicht zu deren Ausbeutung. (Da spricht der Pirat in ihm.) Die DSGVO hält er für richtig. Politische Themen müsse man viel stärker internationalisieren. „Europa liegt mir am Herzen“, hören wir ihn sagen. Es gäbe zudem zahlreiche positive EU-Initiativen, die nicht genügend Öffentlichkeit in den Medien bekämen.

Patrick möchte Europa neu erfinden. Die Kritik an Europa hält er für „hysterisch“. Und dann wird er gleich wieder visionär: Europa, glaubt er, könne der Prototyp für eine Weltregierung werden. So wie es eine UN-Menschenrechtskonvention gibt, brauche es auch eine Internet-Konvention: freien Zugang als Grundrecht und den Schutz der Daten per multilateraler Abkommen. Das Internet verbinde und kann die Menschen befreien und weiterbringen.

Nach drei Stunden mit Patrick haben wir ein verdammt gutes Gefühl. Das ist es, was dieser Mensch versprüht. Er verströmt positive und höchst politische Energie in Reinform. Mit solchen Politikern macht es Spaß in die Zukunft zu blicken. Denn mit ihnen werden wir Lösungen finden. Mit solchen Politikern wird der angebliche Politik-Verdruss der jungen Generation weggeblasen. Man bekommt richtig Lust auf die nächste Wahl. Die zum Europaparlament findet im Mai 2019 statt …

Thomas & Ralf danken Patrick für das Gespräch.

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* Darum Patrick!

1. Pater Wolfgang, Dominikanerpater, der den gesellschaftlich Abgehängten, den Obdachlosen und Armen in seiner Altstadt-Armenküche das Leben mit einer täglichen Mahlzeit rettet, um ihnen den Weg zurück in die Gesellschaft zu ermöglichen.

2. Patrick, Grüne-/Europa-Politiker und Digitaltechnologe, der handelt, greifbare Flüchtlingspolitik vor Ort macht, und Europa als Prototyp einer UN-Weltregierung sieht.