Pater Wolfgang: “Die Altstadt ist mein Facebook!” – Erster TheForth.Club Lunchtalk

Düsseldorf. Autor: ralf.

Natürlich regnete es an diesem 24.April, einem fahlen Dienstag der 17. Woche, als Thomas und ich uns vor der Armenküche der Düsseldorfer Altstadt trafen.

Wir waren trotzdem bester Laune, konnten wir uns doch keine passenderen ersten Gäste wünschen, die qualitative Latte für unsere zukünftigen Talks möglichst hoch zu legen:
“Thomas & ralf essen was und
sprechen mit wichtigen Menschen
über die richtigen Sachen
und mit richtigen Menschen
über die wichtigen Sachen
– also mit guten Menschen
über eine (noch) bessere Welt.”

Wir fanden Pater Wolfgang in ein Gespräch mit seinen Schützlingen vertieft. Ihr Lachen erfüllte den kleinen, nur halbüberdachten Innenhof der Armenküche mit ein wenig Wärme.

Genau darum geht es Pater Wolfgang, Networker Holger und dem Armenküche-Team: Wärme, Nähe, Vertrauen, Hoffnung und Geborgenheit, seelische wie körperliche Nahrung für die Menschen.

Menschen – nicht Verwaltungsakte und -akten. Menschen aus Fleisch und Blut, mit Hoffnungen, Ängsten und Sehnsüchten. Menschen, die Hilfe benötigen, Verständnis und Empathie – nicht noch mehr Probleme.

Wir gingen hinein, ‘besichtigten’ kurz die Küche, die ehrenamtlichen Damen der heutigen Schicht (ansonsten oft auch Männer), den kleinen, reduziert eingerichteten, einladenden Essraum mit knapp 18 Plätzen. Talkten im ersten Stock, um niemandem Platz und warme Mahlzeit streitig zu machen … und bekamen am Ende noch eine Portion Kartoffeln, Blumenkohl, Bratwurst spendiert*.

Unser anderthalbstündiges Gespräch war eine berauschende Achterbahnfahrt durch Deutschlands Amtsstuben und Verwaltungsversagen, Höhen und Tiefen individuellen Lebens, ehrenamtlichem Engagement, Abgründen einer statistisch funktionierenden, Effizienz vor Effektivität priorisierenden Politik und Verwaltungsrepublik, höchst philosophischen Idealen und praxisnahem könnte-man-sofort-umsetzen.

Zu Ehren unserer Gäste rollten wir unseren Roten Faden, den TheForth.Club-Fragebogen, von hinten auf. Hier die entsprechenden Ergebnisse unseres bewegenden Gespräches:

– Alles besser: Via Establishment oder Engagement? …

Ohne gesellschaftliches Engagement des Einzelnen bricht der Staat unter seiner Aufgabenlast zusammen. Genau dies aber muss ein fürsorglicher Staat fördern, nicht bürokratisch behindern. Nicht allein beim Einzelnen, sondern zuallererst bei seinen Organen, Verwaltungsapparaten, Gesetzen, Regeln, Vorschriften.

Der qualitative und quantitative Bürokratieabbau jedoch erfordert weitaus mehr Vertrauen in den einzelnen Menschen, erfordert ein gänzlich anderes Menschenbild: primär das Gute im Menschen zu sehen.
“Der Staat lässt sich die Diskriminierung der Menschen (Arbeitslose, Rentner, Kranke, Arme, Obdachlose) einiges kosten” und genau dieses Geld könnte man weitaus effektiver – zum Wohle der Menschen, nicht ihrer Kontrolle – einsetzen.

– Zukunft: ‘Früher war alles besser!’? …

Die offizielle Sanktionspolitik ist heute ein großes Problem. Sie zerstört die Bande zwischen dem Menschen vor und hinter dem Schreibtisch. Sie macht die Menschen zu Feinden, statt zu empathischen Partnern im Kampf um die Zukunft des Einzelnen.

So war die frühere Grundsicherung besser als Hartz IV – und persönlichere Kontakte und Nähe, statt immer stärker um sich greifender Zentralisierungs-/Effizienzoptimierungen, wären ein großer und wichtiger Schritt in die richtige Richtung.
Die oktruierte Nulltoleranz-Regelwut führt zu einem Schwarz/Weiß-Denken. Ohne Schein bist Du nix: “Ohne Schein kein Sein!”.

– Arbeit & Lohn: BeSINNungslos bedingungslos? …

“Hier WOLLEN ALLE arbeiten”, sagt Pater Wolfgang, “es wollen mehr arbeiten als es Jobs gibt”, ergänzt Holger. Leider haben die Arbeitsagenturen ua zuviel mit Bürokratie und Verwaltung, mit Sanktionen und ablenkenden Maßnahmen zu tun, als dass sie sich auf das Wesentliche, die Menschen in Brot und Arbeit zu bringen, kümmern könnten.

Manche “Gedanken von Politikern sind ganz schön schräg”, wie zB ein Bedingungsloses Grundeinkommen, das nicht mehr bedingungslos ist, da ich dafür den Park fegen soll. Das wäre Sklaverei, Pranger, Menschenverachtung in einem – und bestimmt keine Antwort auf die Fragen, die die Zukunft für uns bereithält.

“Das BGE gibt Würde zurück, schafft Entwicklungsvoraussetzungen”. Doch mit dem heutigen Menschenbild in Politik und Verwaltung wird es kein wahrhaft bedingungsloses Grundeinkommen geben, sind wir vier uns einig.

– (fast schon) New Work …

“Chef-sein, ohne Chef zu sein” ist ein wundervolles Credo, das auch in manchem Unternehmen und Firmenteam gelebt werden sollte. Wir versuchen hier Nähe, Vertrautsein zu schaffen, um ehrlich und aufrichtig kommunizieren zu können. Wir arbeiten in kleinen Teams. Große Unternehmen, Konzerne entfremden den Einzelnen von seinen Mitmenschen, den Ergebnissen seiner Arbeit, der Welt an sich.

– Social CEO …

“Die Altstadt ist mein Facebook”, sagt Pater Wolfgang. “Ich muss unter den Menschen sein, hören, sehen, fühlen, was sie beschäftigt. Da hilft mir kein Like auf Facebook”.

Zudem bewegt unsere Lokal- und Kommunalpolitiker eher ein Artikel in der Rheinischen Post oder ein Interview bei Antenne Düsseldorf als ein paar Likes auf Facebook.
Facebook wäre vielleicht effizient, wir aber wollen effektiv Dinge für unsere Menschen ändern.

– Fazit

Da unsere Zeit fast um war, stellten wir eine letzte, alles zusammenfassende Frage: “Ist diese Welt noch zu retten!?”. Die Antwort erfordert ein immenses Umdenken in weiten Teilen der Politik, Gesellschaft, Erziehung und Bildung:

Das Hauptproblem mit Politik, Verwaltung, Bürokratie ist, dass all ihr Handeln die ‘Dressur’ von 5% Abtrünnigen fokussiert und dafür 100% der Menschen unter Generalverdacht stellt, kontrolliert, reglementiert, seelisch und materiell quält. Es geht auf beiden Seiten des Schreibtischs nur ums Funktionieren.

Ohne die grundsätzliche überarbeitung unseres ideologisches Menschenbild werden wir weiterhin scheitern:
Wir können die Welt nur zu einer besseren machen, wenn wir aufhören, den einzelnen Menschen als schlecht anzusehen.
Nur, wenn wir überzeugt sind, der Mensch ist gut, wird unsere Welt eine bessere. Nur wenn wir unsere Kinder so erziehen und bilden, werden aus ihnen bessere, empathischere Menschen. Gute Menschen werden nicht besser, wenn man sie für schlechte hält.

Gleichzeitig bräuchten wir Revolutionen und Evolutionen auf der Ebene des Individuums. Es müsste(n) …
> sich möglichst viele Menschen einbringen,
> jede/r Einzelne seine Stimme im Zweifel hörbar machen,
> der Einzelne ‘unangenehm’ werden, auf Mißstände hinweisen, sich laut wehren, die Öffentlichkeit suchen, kommunizieren,
> neben den großen Initiativen, die der Bundesregierung Paroli zu bieten versuchen, auch kleine Initiativen lokaler, effektiver, mutiger den Lokal- und Kommunalpolitikern Paroli bieten,
> wir eine lebendig engagierte und engagierende Gesellschaft werden,
> eine Zivilgesellschaft entstehen, mit Zivilcourage und einem von Pluralität geprägten gemeinschaftlichen Denken.

Wir alle sind überzeugt, dass dies uns allen sehr gut tun könnte, egal ob wir Gesellschaft, Unternehmen, Politiker oder Bürger sind. Denn dann würde es jedem Einzelnen und uns allen zusammen als Gesellschaft besser gehen, wir alle wären glücklicher und zufriedener …

Interview
vlnr: Thomas, Ralf, Wolfgang, Holger

Thomas & Ralf danken Pater Wolfgang und Sozial-Networker Holger für das Gespräch.

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* Thomas und ich spendeten im Gegenzug wie verabredet 100Euro, soviel wie unser Lunch im durchschnittlichen Restaurant gekostet hätte.

Hier könnt auch Ihr die Altstadt-Armenküche mit einer Spende unterstützen, denn “nach wie vor lebt die Armenküche auschließlich von Geldspenden”.
Altstadt-Armenküche e.V.
Konto Nr. 140 109 53
Stadtsparkasse Düsseldorf
BLZ 300 501 10
IBAN: DE56 3005 0110 0014 0109 53
BIC: DUSSDEDDXXX

Last, but not least das wundervolle Team am Tage des Talks – stellvertretend für alle Helfer und Unterstützer der Altstadt Armenküche Düsseldorf.

TeamdesTages

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